Bei discovering hands setzen Menschen mit Sehbeeinträchtigung ihre besonderen Tastfähigkeiten zur Verbesserung der Früherkennung von Brustkrebs bei Frauen ein. Den Aufbau des Hamburger Zentrums in Kooperation mit dem Sozialunternehmen Haus5 auf dem Gelände des Gesundheitszentrums St. Pauli ermöglichte die IFB Hamburg durch ihre Innovationsförderung im Programm PROFI Impuls #UpdateHamburg.
Medizinisch-taktile Untersucherinnen (v.l.n.r.) Caroline Schoeniger, Antonia Greifenberg und Tanja Witt
Früherkennung kann Leben retten, das weiß kaum jemand besser als Dr. Frank Hoffmann. „Ein Knoten in der Brust ist erst dann wirklich gefährlich, wenn er metastasiert und auf andere Körperteile übergreift“, erläutert der Gynäkologe. Doch Standarduntersuchungen nehmen in der ärztlichen Praxis gerade mal ein bis zwei Minuten in Anspruch. „Da kann man eigentlich nur Tumorgrößen finden, die schon fortgeschritten sind.“
Die unzureichenden Diagnosemöglichkeiten quälten den Mediziner aus Mülheim an der Ruhr. Doch was tun? Die Idee kam ihm eines Tages unter der Dusche. Warum nicht Menschen für die Untersuchungen gewinnen, die von zuhause aus gut tasten können, nämlich Blinde und Sehbeeinträchtigte? Vor knapp 15 Jahren gründete Hoffman discovering hands. Das vielfach ausgezeichnete Sozialunternehmen bildet Menschen mit Sehbehinderung zu zertifizierten medizinisch-taktilen Untersucherinnen (MTU) aus. In dieser weltweit einzigartigen Ausbildung lernen die Frauen das Brustgewebe, Lymphbahnen und -knoten an Hals, Brustbein und Achseln millimetergenau und schmerzfrei zu untersuchen. Praxen können ihre Dienste buchen oder sie auch fest einstellen.
Im Februar 2025 gründete discovering hands gemeinsam mit dem Inklusionsunternehmen Haus5 das Hamburger Zentrum. „Wir waren sofort Feuer und Flamme, für uns ist das eine ideale Verbindung, auch weil wir feste Arbeitsplätze für Menschen mit Sehbeeinträchtigung schaffen“, sagt Sebastian Weyhing, Geschäftsführer der Haus5 gGmbH im Gesundheitszentrum St. Pauli. Auf dem Gelände des ehemaligen Hafenkrankenhauses sind verschiedene medizinische und soziale Einrichtungen untergebracht.
Drei MTU sind in dem Zentrum beschäftigt. „Frauen können sich dort anmelden, sich untersuchen lassen und mit ihrem Befund zu ihrer betreuenden Praxis gehen“, erläutert Hoffmann das Verfahren. Die Untersuchung nimmt bis zu eine Stunde in Anspruch, hierbei bleibt auch viel Zeit für persönliche Fragen. Selbst kleinste Knoten, sechs bis acht Millimeter groß, können die MTU ertasten. „Nach einer Studie der Universität Erlangen empfehlen 97,6 Prozent unserer Patientinnen unsere Untersuchung weiter“, sagt Hoffmann.
Mit 200.000 Euro, gewährt als nicht rückzahlbarer Zuschuss aus dem Programm PROFI Impuls #Update Hamburg2024, fördert die IFB Hamburg das Zentrum. Das Programm aus der Innovationsförderung unterstützt Initiativen im Bereich Social Entrepreneurship, die dazu beitragen, Hamburg zu einer lebenswerten Stadt für alle zu machen. Innovative Ideen in den Themenfeldern Gesundheit, Umwelt und Klima, soziale Teilhabe sowie Bildung können als Einzelprojekt mit bis zu 100.000 Euro gefördert werden, Kooperationsprojekte mit bis zu 200.000 Euro. „Eines ist klar: Ohne die Förderung würde es das Zentrum nicht geben“, betont Hoffmann. Bis Mitte 2026 ist die Finanzierung gesichert. Mehr als 40 gesetzliche und alle privaten Krankenkassen erstatten die Untersuchungskosten von 79 Euro, auch privat kann eine Sitzung gebucht werden.
Jede achte Frau erkrankt in Deutschland im Laufe ihres Lebens an Brustkrebs. „Eine Früherkennung durch unsere MTU rettet Leben, das haben mehrere wissenschaftliche Studien belegt“, sagt Hoffmann. Ziel ist es jetzt, das Zentrum langfristig zu etablieren und es bekannter zu machen, etwa durch verstärkte Präsenz in sozialen Medien oder die gezielte Ansprache von Unternehmen. „Durch die Nutzung unseres Angebotes im Rahmen ihres betrieblichen Gesundheitsmanagements leisten Unternehmen nicht nur einen Beitrag zur Gesundheitsvorsorge ihrer Mitarbeiterinnen. Sie schaffen auch ein Bewusstsein für Inklusion und werden als Arbeitgeber attraktiver.“