Die App „SeaWell“ schlägt individuelle Maßnahmen für eine Verbesserung des Wohlbefindens vor

Die Belastungen in der kommerziellen Schifffahrt für die Besatzungen sind außergewöhnlich hoch. Ihre Gesundheit mithilfe von Künstlicher Intelligenz (KI) zu verbessern, ist das Ziel von „AI-healthy ship“. Die IFB Hamburg fördert das Projekt der maritimen Zukunftstechnologie aus Mitteln des Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE). 

Manche Seeleute sind bis zu neun Monate an Bord. Ihr Schichtdienst ist kräfteraubend, es gibt kaum Rückzugs- und Bewegungsmöglichkeiten, die Trennung von der Familie zehrt. Hinzu kommen die Schiffsbewegungen, die Vibrationen und der Motorenlärm; auch in der Freizeit. Eine medizinische oder psychosoziale Unterstützung ist auf See nur eingeschränkt möglich. „Diese Bedingungen machen das maritime Umfeld so einzigartig und erfordern eine spezifische Unterstützung“, erklärt Professor Dr. med. Marcus Oldenburg vom Zentralinstitut für Arbeitsmedizin und Maritime Medizin (ZfAM) am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. 

Arbeitsgruppe Schiffsmedizin vom Zentralinstitut für Arbeitsmedizin und Maritime Medizin am UKE

Die Arbeitsgruppe Schiffsmedizin vom Zentralinstitut für Arbeitsmedizin und Maritime Medizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf

Das ZfAM ist neben der Reederei Nord, der Peter Döhle Schifffahrts-KG und dem Softwareentwickler Lionizers einer von vier Partnern des Verbundvorhabens „AI-healthy ship“, das eine digitale Gesundheitsförderung entwickelt, zugeschnitten auf die besonderen Bedingungen auf Handelsschiffen. In dessen Zentrum steht mit „SeaWell“ eine benutzerfreundliche App, die Seeleuten praktische, individuelle Empfehlungen für Gesundheit und Erholung geben soll. „Was sich für eine Person in einer bestimmten Situation eignet, kann für eine andere unpassend sein“, meint Prof. Oldenburg. 

Zunächst erprobte das Team an Land eigens für die Erfassung der Umgebungsbedingungen zusammengestellte Sensoren. Bei Tests mit den Besatzungen an Bord kam die Erhebung von Daten durch Wearables wie Fitnessuhren und Fragebögen hinzu, die als Grundlage für die Weiterentwicklung der KI-gestützten Empfehlungen dienen. Bei den Seeleuten, die vor allem mit Übermüdung und Erschöpfungszuständen, aber auch mit Einsamkeit und Bewegungsmangel zu kämpfen haben, habe man offene Türen eingerannt, erzählt der Arbeitsmediziner.    

Prof. Dr. med. Marcus Oldenburg führt an Bord eine Messung der Pupillengröße und -reaktion durch

Prof. Dr. med. Marcus Oldenburg führt an Bord eine Messung der Pupillengröße und -reaktion durch, um Informationen über Lichtverhältnisse, kognitive Belastung und emotionale Reaktionen zu erhalten.

Auf Basis der Daten gibt die App Gesundheitstipps und schlägt individuelle Maßnahmen für eine Verbesserung des Wohlbefindens vor. Diese orientieren sich nicht nur an den Bedürfnissen der jeweiligen Person, sondern berücksichtigen auch Umgebungsbedingungen und Lebensumstände. Befindet man sich etwa im Hafen, fallen sie anders aus als auf hoher See. Zu den präventiven Maßnahmen können Empfehlungen zu Schlaf, Bewegung oder Ernährung zählen. Auch spirituelle Komponenten sind auf Wunsch dabei, denn viele Besatzungsmitglieder sind daran interessiert. Auch andere kulturelle Präferenzen werden angesichts der internationalen Zusammensetzung der Crews berücksichtigt.

Mit insgesamt 3,38 Millionen Euro über einen Zeitraum von fünf Jahren wird das Projekt finanziert. 1,32 Millionen Euro stammen aus Mitteln des Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE), die von der IFB Hamburg verwaltet und bewilligt werden. Weitere 1,31 Millionen Euro kommen von der Sozial- und der Justizbehörde, die Projektpartner selbst bringen 750.000 Euro ein. „Wir sind dankbar für die Förderung, sie schafft den notwendigen Rahmen für die Forschung, die Datenerhebung, die technische Entwicklung und die Praxistests an Bord“, sagt Prof. Oldenburg. Der Wissenschaftler ist davon überzeugt, dass AI-healthy ship nicht nur für die Besatzungen, sondern angesichts des Fachkräftemangels in der Seefahrt auch für die maritime Wirtschaft in Hamburg von Vorteil ist. 

Im Mai 2028 endet die Förderung. Die Software könnte dann auch von anderen Nutzenden der maritimen Industrie erworben werden. Oldenburg glaubt auch an ihre branchenübergreifende Einsetzbarkeit. „Ob für Offshore-Arbeitsplätze, in der Logistik oder Pflege: Die Ergebnisse des Projekts haben das Potenzial, Menschen in Lebenswelten mit ähnlichen Belastungsprofilen wie in der maritimen Welt zu helfen.“