85 Prozent aller Suchtpatient*innen werden innerhalb eines Jahres rückfällig. Diese Quote zu reduzieren, ist das Ziel von coobi. Gefördert mit dem InnoFounder-Programm der IFB Innovationsstarter hat das Startup eine Lösung entwickelt, die medizinische Daten intelligent auswertet, Rückfallrisiken erkennt und personalisierte Unterstützung per App ermöglicht.
Auf eine Chili zu beißen, kann helfen. Oder sich kaltes Wasser ins Gesicht zu spritzen. Wenn der Suchtdruck steigt, wenn das Verlangen zu mächtig werden droht, dann geht es um Ablenkung, und zwar unmittelbar. „Die wenigsten wissen, dass diese Phase maximal 20 Minuten dauert“, sagt Paul Aretin, Co-Gründer von coobi. Diese zu überstehen ist ein Schlüssel für eine langfristige Genesung. Um die Betroffenen zum Durchhalten zu motivieren, hat das Startup gemeinsam mit Therapeut*innen Übungen entwickelt, die auf einer App abrufbar sind – wie etwa der Trick mit der Chili.
Was hat das Verlangen ausgelöst? Welche Übung war besonders hilfreich? Ist der akute Suchtdruck überstanden, fordert die App dazu auf, noch einige Fragen zu beantworten. „Sie sollen zur Reflexion animieren und dabei helfen, besser einschätzen zu lernen in welchen Situationen das Verlangen besonders groß ist“, erläutert Aretin.
Mit individualisierter Hilfe, Videos und Texten soll die Motivation im Alltag hochgehalten werden. Dazu nutzt die App auch Daten, die per Smartwatch gewonnen werden, etwa zur Herzfrequenz. Die Biomarker geben Hinweise zum Stresslevel und dienen als Frühwarnsystem für ein erhöhtes Rückfallrisiko. Auch hier geht es darum, Muster zu erkennen und den Patient*innen aufzuzeigen, wie sie rechtzeitig reagieren und in der Balance bleiben können.
coobi care, so der Name des zertifizierten Medizinprodukts, ist ausschließlich für Suchtpatient*innen zur Behandlung während und nach einer Therapie gedacht. „Sie ist kein Ersatz, sondern eine Ergänzung des therapeutischen Angebots“, betont Aretin. In einem Modellprojekt mit der Deutschen Rentenversicherung nutzen derzeit 35 Einrichtungen der Suchtherapie in Norddeutschland das Angebot. Ein zweites Produkt des Startups ist die Plattform coobi clinic, die Suchtkliniken als Bestandteil ihres therapeutischen Angebots einsetzen. Sie ermöglicht es den Therapeut*innen, auch Dank der Daten, ihre Betreuung zielgenauer zu gestalten.
Paul Aretin ist Volkswirt, er hat coobi gemeinsam mit dem Arzt Dr. Julian Kruse und der Informatikerin Manya Agarwal gegründet. Alle drei hatten in ihrem Umfeld Fälle von Suchterkrankungen. „Therapieabbrüche sind ein Riesenproblem“, meint Aretin. „Die Forschung zeigt, dass ein Körper bereits Warnsignale sendet, bevor ein Rückfall passiert. Diese Daten für eine Therapie zur Verfügung zu stellen, darin sind wir Pionier in Deutschland.“
Das Trio hat coobi zunächst in Berlin gegründet, hat dann aber den Unternehmenssitz nach Hamburg verlegt. „Für Health-Startups ist die Stadt ein sehr guter Standort“, meint Aretin. „Sie ist bekannt für den kompetenten Umgang mit der komplexen Medizinregulatorik. Die IFB Innovationsstarter haben coobi im Rahmen von InnoFounder gefördert. Das Programm unterstützt digitale Gründungsvorhaben mit 2.500 Euro im Monat für maximal drei Personen und längstens 18 Monate. Der Maximalbetrag pro Gründung beträgt 75.000 Euro.
„Die Förderung war für uns auch deshalb wichtig, weil Entscheidungsprozesse im Gesundheitswesen oft länger dauern“, meint Aretin. „Wir konnten uns voll auf die Produktentwicklung konzentrieren und zeigen, dass unser Produkt funktioniert.“ Die ersten Kund*innen sind gewonnen. Jetzt geht es vor allem um
Skalierung. Aretin ist da guter Dinge: „Wir sind mit vielen Kliniken im Gespräch.“